Gerechte Gemeinschaften

Gerechte Gemeinschaften

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Datum/Zeit
19.03.2019 - 08.10.2019
9:30 - 17:00

Veranstaltungsort
Intasco

Kategorien


Achtung: neuer Veranstaltungsort:
Intasco, Kirchhörder Str. 69, 44229 Dortmund
Kontakt: Peter Eichenauer, Tel. 0231-2225527

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Gerechte Gemeinschaften
Demokratisches Lernen und Entscheiden in Wohngruppen der Erziehungshilfe
Eine Weiterbildung der fachpool gGmbH

Endlich ein methodischer Rahmen für Partizipation in Wohngruppen!

Partizipation muss sein – sie muss aber auch methodisch gekonnt sein. Gerade Gruppengespräche sind häufig nicht die Orte der Klärung, Aushandlung und Entscheidung von Gruppenkonflikten, die sie eigentlich sein könnten. Fragt man Kinder und Jugendliche aber auch Mitarbeitende aus Wohngruppen, so ergibt sich überwiegend eine große Unzufriedenheit mit der Gestaltung und den Ergebnissen solcher Gruppengespräche.

Die Gestaltung von Gruppengesprächen nach dem Modell der Gerechten Gemeinschaften bietet eine große Chance, die Kommunikation zwischen Jugendlichen und Team zu verbessern, Empathie zu fördern und faire Aushandlungen einzuüben.

Ursprünglich von dem amerikanischen Moralpsychologen Lawrence Kohlberg für die demokratische Gestaltung von Schulen und Jugendgefängnissen konzipiert, wurden die Gerechten Gemeinschaften (im engl. Original „Just Communities“) nach dem Vorbild eines Hamburger Projektes von uns für die Arbeit in Wohngruppen der Jugendhilfe weiterentwickelt.

Bei den Gerechten Gemeinschaften geht es darum, dass Orte der Erziehung und Bildung zu Erfahrungsräumen der Demokratie werden. Während Erziehung und Bildung von der Ungleichheit zwischen Jung und Alt und dem Wissensvorsprung der Erwachsenen ausgehen, lebt die Demokratie von der Idee der prinzipiellen Gleichheit und besonders der Gleichwertigkeit aller Mitglieder. Wenn es gelingen kann, in pädagogischen Einrichtungen demokratische Strukturen und Orte der Gleichberechtigung zu schaffen, so entstehen nicht nur Orte zum Üben eines fairen Streitens sondern zugleich bedeutsame Räume des Lernens und der moralischen Entwicklungsförderung.

  1. Gruppengespräche als Orte fairen Streitens

Gruppengespräche in Wohngruppen der Erziehungshilfe werden von den Kindern und Jugendlichen häufig gelangweilt „abgesessen“ und auch von den Fachkräften mit wenig Vergnügen angegangen. Einige der zentralen Probleme bzw. Herausforderungen von Gruppengesprächen sind:

  • Die Gruppengespräche sind tendenziell eher Erziehungs- als Beteiligungsgremien. Entsprechend werden die meisten Themen von den Fachkräften eingebracht; sie thematisieren, was sie stört bzw. was sie ändern wollen. Die Jugendlichen erkennen die Gruppengespräche daher nicht als Orte des Austauschs und der Mitbestimmung an.
  • Die Fachkräfte nehmen – meist weil die Dienstpläne dies nicht berücksichtigen – nicht geschlossen als Team an Gruppengesprächen teil. Daher müssen sie die Themen vorher schon kennen, vorbesprechen und vorab bereits eine gemeinsame Position abstimmen. Dass damit de facto kaum noch Raum für Aushandlungen ist, merken die Kinder und Jugendlichen im Gespräch sehr schnell.
  • Wenn sich Gruppengespräche vorrangig zu Orten der Aushandlung und des fairen Streitens entwickeln sollen, dann müssen Setting, Moderation und Gesprächsführung, Entscheidungsverfahren und Dokumentation entsprechend gestaltet werden.

Die Gruppensitzung nach dem Modell der Gerechten Gemeinschaften greift diese Herausforderungen auf und macht konkrete Vorschläge, wie man Gruppengespräche anders gestalten kann. Hierzu zählen besonders folgende Rahmenentscheidungen:

  • Das Thema der Gerechten Gemeinschaft wird von Jugendlichen und Fachkräften gemeinsam festgelegt.
  • Alle Fachkräfte und alle Jugendlichen nehmen am Gespräch teil. Wer fehlt, muss damit leben, dass Entscheidungen ohne ihn/sie getroffen werden.
  • Das Gespräch wird von einer externen Person moderiert. So kann es gelingen, die Moderation möglichst allparteilich zu gestalten. Zugleich können sich alle Fachkräfte, ebenso wie die Kinder und Jugendlichen, darauf konzentrieren, ihre eigene Meinung zu klären und am Zustandekommen einer Gruppenmeinung mit inhaltlichen Argumenten mitzuwirken.
  • Die externe Moderation wird von Fachkräften anderer Gruppen der Einrichtung übernommen. Durch die gegenseitige Moderation der Gespräche entsteht zusätzliche Transparenz in der Einrichtung, wie die unterschiedlichen Teams mit Konflikten umgehen. Die Moderatoren sind Gebende und Nehmende, da sie selbst auch für ihre Praxis Anregungen erhalten.
  • Bei Entscheidungen wird nicht abgestimmt. Alle Entscheidungen werden im Konsens getroffen. So wird jedes einzelne Gruppenmitglied davor geschützt, durch die Mehrheit überstimmt zu werden.
  • Damit alle Beteiligten nicht nur Verantwortung für das Ergebnis einer Sitzung sondern auch für die Umsetzung des Ergebnisses übernehmen, werden am Ende einer Sitzung jeweils „faire Konsequenzen“ verabredet und ein Team gebildet, das auf die Einhaltung der Absprachen achtet. Jeweils in der nächsten Sitzung wird überprüft, ob die Verabredungen gehalten haben.

Der pädagogische „Clou“  “ ist, dass alle Beteiligten bei der Diskussion und Entscheidung eines möglichst alle betreffenden Konfliktes das gleiche Recht haben, einen Beitrag zur Diskussion zu leisten. Man schafft also einen offenen Raum der Aushandlung, in dem (im Unterschied zum pädagogischen Alltag) alle Gruppenmitglieder gleich sind. Im Unterschied zum Kohlbergschen Originalkonzept schützen wir die Fachkräfte und die Kinder und Jugendlichen zusätzlich durch das Konsensprinzip. D.h. wir streiten so lange, bis wir eine Lösung gefunden haben, der alle Jugendlichen und alle Fachkräfte zustimmen können.

Gerechte Gemeinschaften versuchen, mit der Spannung von Gleichheit und Ungleichheit produktiv umzugehen. Formal sind alle Gruppenmitglieder gleich gestellt, aber Weisheit und Erfahrung älterer Gruppenmitglieder qualifizieren die Gruppenentscheidung ebenso, wie Abenteuerlust, Unbekümmertheit und Naivität der Jüngeren.

  1. Ablauf der Gerechten Gemeinschaftssitzungen

Die Gerechte Gemeinschaftssitzung besteht idealtypisch aus drei Phasen, an deren Ende jeweils eine Einigung steht. Sie dauert – je nach Alter und Entwicklungsstand der Gruppenmitglieder – ca. 1-2 Stunden. Entsprechend wird meistens nur ein Thema intensiv diskutiert. Folgender Ablauf ist regulär vorgesehen:

Diese Phasen tauchen in den Gruppensitzungen flexibel auf. So haben sich die meisten Gruppen relativ bald darauf geeinigt, dass sie das Thema schon im Vorfeld in der Gruppe miteinander verabreden, um nicht zu viel Zeit mit der Themenfindung zu verbringen.

Auch die zweite Phase, die sog. Lösungsfindung“ wird – je nach Thema und methodischem Repertoire des Moderators – sehr unterschiedlich gestaltet. Bein einigen Themen kann unmittelbar mit der Lösungssuche begonnen werden; bei anderen Themen steht zunächst ein intensiver Austausch im Vordergrund, um ein Problem überhaupt erst zu verstehen.

Idealtypisch werden nach der Problemklärung zunächst möglichst viele unterschiedliche Lösungsvorschläge gesammelt. Hier sind oft Kreativität und Unvoreingenommenheit von Bedeutung und entsprechend können die Moderatoren unterschiedliche Methoden vorschlagen, die vom offenen Brainstorming über Kartenabfragen bis zur Kleingruppenarbeit reichen. Gerade die Kleingruppen- oder Partnerarbeit hat sich in Gruppen mit sehr unterschiedlichem Alter oder Entwicklungsstand bewährt, damit auch jüngere Kinder oder kognitiv eingeschränkte Jugendliche Ideen einbringen können.

Anschließend werden alle Lösungen auf ihre Akzeptanz und Realisierbarkeit überprüft. Nicht selten wird am Ende eine Lösung gemeinsam entwickelt, die unterschiedliche Vorschläge integriert. Für die Fachkräfte kommt es bei der Lösungsfindung darauf an, zunächst die Kinder und Jugendlichen selbst denken, sprechen und abwägen zu lassen, dann aber bei Bedarf auch eigene Gedanken und Positionen zu vertreten.

Methodisch sind hier unterschiedliche Weiterentwicklungen denkbar, die dazu beitragen, dass die Jugendlichen nicht nur das gemeinsame empathische Zuhören und Bewerten lernen, sondern auch die Perspektivübernahme von Anderen. So könnten z.B. Fachkräfte und Jugendliche im Rollentausch aus der Position der je anderen Seite sprechen und agieren.

In der dritten Phase geht es um die Ergebnissicherung und die gemeinsame Verantwortungsübernahme für die erarbeiteten Lösungen. Viele Absprachen halten nach den Sitzungen schon alleine deshalb, weil alle an der Erarbeitung fair beteiligt waren. So werden z.B. Handyregelungen noch ein Jahr später eingehalten, ohne dass es je wieder Streit zu diesem Thema gegeben hätte. Oft jedoch ist es sinnvoll weitergehende Absprachen zu treffen, wer für bestimmte Ergebnisse Verantwortung übernimmt und wie dies geschehen kann. Zur Unterstützung dieser Verantwortlichen werden sog. Faire Konsequenzen festgelegt, die dann gelten sollen, wenn jemand die Verabredungen nicht einhält.

  1. Moderation der Gerechten Gemeinschaft

Die externen ModeratorInnen sind Kolleginnen und Kollegen der beteiligten Teams. Sie melden sich freiwillig für diese Aufgabe und werden von den Teams ausgewählt. Die ModeratorInnen tragen in erster Linie die Verantwortung für die Anregung und Bündelung der Gespräche; insbesondere für die Visualisierung der Gesprächsverläufe und die Dokumentation. Sie bemühen sich um Unabhängigkeit (ohne vollumfänglich unabhängig zu sein) und Fairness. Sie bevorzugen im Gespräch niemanden und versuchen dabei auszustrahlen, dass die Kinder und Jugendlichen mit ihren Beiträgen besonders willkommen sind. Sie wachen darüber, dass Minderheiten ernst genommen werden und in Entscheidungsprozessen nicht zu sehr unter Gruppendruck geraten.

Sie sind nicht für die Erziehung der anwesenden Kinder und Jugendlichen zuständig und überlassen bei Störungen von z.B. besonders unruhigen oder aggressiven Kindern und Jugendlichen den Teammitgliedern weitergehende Interventionen. Sie sind nicht dafür zuständig, dass tolle Ideen und Lösungen entwickelt werden und müssen immer wieder reflektieren, ob sie sich in der Moderationsrolle mit ihrer Meinung ausreichend zurückhalten.

  1. Unsere Weiterbildung

Unsere Weiterbildung schult ein Moderatorenteam von einer oder mehreren Einrichtungen und begleitet die Einführung der Gerechten Gemeinschaften. Nach einer zweitägigen Auftaktschulung zu Grundlagen, Ablauf und Moderationsherausforderungen führen die Teilnehmer*innen erste Sitzungen nach dem Modell durch. Bei zwei weiteren eintägigen Treffen werden die Erfahrungen ausgetauscht und reflektiert; hierzu nutzen wir auch filmische Sequenzen. Am Ende der Weiterbildung verfügt die Einrichtung über ein geschultes Team, das die Gerechten Gemeinschaften in Ihrer Einrichtung einführen kann. Bei Bedarf können später weitere Vertiefungs- und Reflexionstage verabredet werden. 

  1. Unsere Referenten

Peter Eichenauer, Ausbilder in Supervision (EASC) und Transaktionsanalytiker (EATA)

Remi Stork, Diplom-Pädagoge, Dr. phil., Referent für Erzieherische Hilfen


Buchung

€425,00

Teilnehmer 1

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